Herr Friese, Herr Kreutzer, was verändert die Unvereinbarkeitsfeststellung an Ihren Bildungsangeboten?
Karsten Kreutzer: Nach außen hin nichts. Die katholischen Akademien haben schon früher beschlossen, keine AfD-Funktionäre zu eigenen Veranstaltungen einzuladen. Völkischer Nationalismus und christlicher Glaube sind unvereinbar. Zudem erleben wir in unserem grün orientierten, bildungsbürgerlichen Freiburger Milieu so gut wie nie rechtspopulistische Positionen im Publikum. Das zeigt allerdings auch ein Problem: Das Label „katholisch und bildungsorientiert“ schafft eine unsichtbare Hürde. Bestimmte Zielgruppen erreichen wir in unseren Präsenz-Veranstaltungen gar nicht erst.
Sebastian Friese: Auch das Bildungswerk hat bisher ausschließlich Politiker aus dem demokratischen Spektrum auf Podien eingeladen. Vor Landtagswahlen blieb die AfD außen vor. Wir wollen rechtsextremen Positionen keine Brücke bauen, sondern die demokratische Mitte stärken. Sehr eindrücklich waren für mich bei der KEB-Bundesversammlung jedoch die Berichte der Kollegen aus den ostdeutschen Diözesen. Sie erleben im Wahlkampf offene Feindseligkeit.
Der Beschluss gilt auch als Solidaritätsbekundung mit Ostdeutschland. Wie kann konkrete Hilfe aus Freiburg aussehen?
Karsten Kreutzer: Wir wollen Veranstaltungen zur Demokratiebildung künftig verstärkt hybrid anbieten. So können wir die Kolleginnen und Kollegen im Osten unterstützen, die deutlich weniger Ressourcen haben. Finanzielle Mittel können wir als unselbstständige Einrichtungen hingegen nicht einfach in andere Bundesländer verschieben – das sind zweckgebundene Landes- oder Diözesanmittel.
Sebastian Friese: Ich wünsche mir, dass der Beschluss als Rückenwind wahrgenommen wird und die kirchliche Demokratiebildung sichtbarer macht. Trotz gesellschaftlicher Polarisierung stellt die demokratische Mitte die Mehrheit in unserer Gesellschaft. In der politischen Bildung können wir als Kirche einen sinnvollen Beitrag leisten und den Teilnehmenden Sicherheit für ihren Alltag vermitteln. Dazu gehört auch, dass wir unsere Angebote inhaltlich weiterentwickeln: Neben unserem Argumentationstraining gegen rechtsextreme Parolen ist der Umgang mit Fake News und KI ein riesiges Thema geworden. Desinformation betrifft Erwachsene genauso wie Jugendliche. Hier Orientierung zu bieten, wie man manipulierte Inhalte erkennt, gehört heute fest zu unserem Auftrag, damit Menschen sprachfähig bleiben und ihr Bild vom Menschsein leben können.
Das klare Signal gegen Rechtsextremismus steht. Wo sehen Sie die nächsten Aufgaben in Ihrer Bildungsarbeit?
Karsten Kreutzer: Ich frage mich im Nachgang schon, ob der strikte Ausschluss der AfD in jeder Situation richtig ist – etwa im Vorfeld von Wahlen, wenn es um den Vergleich aller Parteipositionen geht. Können wir eine nicht verbotene Partei dauerhaft ignorieren? Das ist für mich eine offene Frage. Wichtig ist: Diese Abgrenzung gilt nicht für Stimmen aus dem Publikum. Wenn dort extreme Positionen geäußert werden, tun wir das, was wir als Akademie auch bei schwierigen ethischen Fragen schon immer getan haben: Wir bleiben im Gespräch und versuchen zu verstehen, wie das Gegenüber zu dieser Haltung kommt. In einer liberalen Demokratie sind unterschiedliche Auffassungen der Normalfall. Die Extremismusforschung zeigt: Es ist sinnvoll, Menschen mit extremen Tendenzen ernst zu nehmen und ihnen Gehör zu schenken, solange ihr Weltbild noch nicht völlig geschlossen ist.
Sebastian Friese: Unsere Aufgabe bleibt es, im ganz konkreten Alltag anzusetzen. Unser Argumentationstraining „Mut zur Haltung“ ist seit Jahren ein echter Dauerbrenner und wird von Gemeinden, Verbänden und Schulen enorm nachgefragt. Die Menschen merken einfach, dass sie im Alltag mit menschenfeindlichen Parolen konfrontiert werden und wollen lernen, wie sie sich dazu klar und sicher verhalten können.