Was uns verletzlich macht, verbindet uns

Rückblick - Giovanni Maio über eine Ethik der Sorge

Was bedeutet es, Mensch zu sein? Was verbindet uns miteinander? Und welche Verantwortung erwächst daraus füreinander? Mit diesen Fragen beschäftigte sich der Freiburger Professor für Medizinethik, Giovanni Maio, in seinem Vortrag über die Ethik der Verletzlichkeit.

Rund 200 Teilnehmende kamen am 22. Oktober 2026 auf Einladung der Katholischen Akademie, dem Palliative Care Forum und dem C-Punkt Münsterforum in der Konviktskirche in Freiburg zusammen, um sich mit einem Verständnis des Menschen auseinanderzusetzen, das nicht seine Unabhängigkeit und Selbstständigkeit, sondern seine Verletzlichkeit und Beziehungsfähigkeit in den Mittelpunkt stellt.
 
Verletzlichkeit verbinden wir häufig mit Schwäche, mit Situationen, in denen wir an unsere Grenzen stoßen oder auf die Hilfe anderer angewiesen sind. Doch Giovanni Maio lädt dazu ein, diesen Blick zu verändern. Denn verletzlich zu sein, ist keine Ausnahme und kein vorübergehender Zustand. Es gehört grundlegend zu unserem Menschsein. Niemand lebt ganz für sich allein, niemand ist ausschließlich aus eigener Kraft der Mensch, der er ist. Wir sind auf andere angewiesen – auf ihre Aufmerksamkeit, ihre Unterstützung und ihre Zuwendung.
 
Der Mensch ist ein Beziehungswesen: Diese Einsicht bildet einen zentralen Gedanken von Maios Ethik der Verletzlichkeit. Relationalität, also das Eingebundensein in Beziehungen, ist nicht einfach eine Ergänzung zu einem ansonsten unabhängigen Leben. Beziehungen prägen uns, tragen uns und machen unser Leben überhaupt erst möglich. Wir werden gesehen und anerkannt, wir erfahren Vertrauen und Unterstützung. Und wir sind selbst gefragt, anderen mit Offenheit und Aufmerksamkeit zu begegnen.
 
Ein solches Menschenbild verändert auch den Blick auf Autonomie und Würde. Wer den Menschen vor allem als unabhängig, leistungsfähig und selbstbestimmt versteht, läuft Gefahr, diejenigen aus dem Blick zu verlieren, die Unterstützung benötigen. Eine Ethik der Verletzlichkeit setzt hier einen anderen Akzent: Angewiesenheit mindert nicht die Würde eines Menschen. Sie verweist vielmehr auf eine grundlegende Erfahrung, die uns alle verbindet.
 
Wo Menschen verletzlich sind, beginnt die Frage nach der Sorge: Sorge ist dabei weit mehr als eine praktische Aufgabe oder eine Reaktion auf Krankheit und Hilfsbedürftigkeit. Sie bedeutet, den anderen in seiner Verletzlichkeit wahrzunehmen, sich ihm zuzuwenden und Verantwortung zu übernehmen. Sie setzt voraus, dass wir uns berühren lassen von dem, was andere brauchen, und dass wir bereit sind, aufeinander einzugehen.
 
So führt Maios Ethik der Verletzlichkeit von einer grundlegenden Frage nach dem Menschen zu einer ebenso grundlegenden Frage nach unserem Miteinander: Wie wollen wir leben, wenn wir anerkennen, dass wir einander brauchen? Und wie gestalten wir Beziehungen und Strukturen, in denen Menschen mit ihrer Verletzlichkeit gesehen und ernst genommen werden?
 
Der Vortrag bot den rund 200 Teilnehmenden Gelegenheit, vertraute Vorstellungen von Stärke, Selbstständigkeit und Unabhängigkeit zu hinterfragen. Er rückte eine Erfahrung ins Zentrum, die alle Menschen teilen: Wir sind verletzlich, wir sind aufeinander angewiesen – und gerade darin liegt eine wesentliche Grundlage unserer Verantwortung füreinander.
 
Vielleicht liegt darin die besondere Kraft einer Ethik der Verletzlichkeit: Sie erinnert uns daran, dass Menschsein nicht bedeutet, ohne andere auszukommen. Menschsein bedeutet auch, miteinander verbunden zu sein und füreinander Sorge zu tragen.